Die Geschichte des Freischwingers

Die Geschichte des Freischwingers

Vom Kragstuhl zum Freischwinger

Sich auf die Hinterbeine stellen: Der Freischwinger ist eine Variante des Kragstuhls, ein Stuhl, der meistens ohne Hinterbeine mit nur zwei Beinen auskommt. Stühle werden Freischwinger genannt, wenn ihre Konstruktion es ermöglicht, durch das eigene Körpergewicht zu federn, also zu schwingen. Der zweibeinige Stuhl ist einerseits durch Experimentierfreudigkeit entstanden, andererseits gab es auch in den 1920-er Jahren Überlegungen, Möbel ressourcensparend herzustellen. Der Name Kragstuhl ist abgeleitet von dem Verb kragen und meint überstehen; die englische Bezeichnung cantilever chair trifft es genauer, freitragender Stuhl. Der Freischwinger markiert auch ein Umdenken in der Ergonomie des Sitzens, von der starren Sitzhaltung bis hin zum dynamischen Sitzen.

Von Stahlrohr bis Kunststoff

Die Geschichte des Freischwingers begann mit gebogenen Stahlrohr und führte über Verner Panton und den Panton Chair zu dem Citizen von Konstantin Grcic, der kein Zweibeiner und kein klassischer Freischwinger ist, aber durch eine raffinierte Aufhängung schwingt. Auch der Wilkhahn Stitz und der Wilhahn Stand up verkörpern die Ideen des schwingenden Sitzens; beide Modelle kommen mit nur einem Bein aus. Man darf gespannt sein, wie der Freischwinger sich durch neue Technologien und Weltanschauungen weiter entwickeln wird. Einer der Väter des Freischwingers, Marcel Breuer, hatte die Vision vom Sitzen auf Luftsäulen; schön wäre es, immerhin verbringen wir durchschnittlich 14 Stunden im Sitzen. Da es zu jedem Trend auch einen Gegentrend gibt, könnten sich künftig Freischwinger aus Kunststoff oder Stahlrohr am Markt abwechseln. Im Jahr 2020 entwickelte Designer Jasper Morrison den eleganten Freischwinger EVO-C, der zu 100% aus durchgefärbtem Polypropylen besteht und damit vollständig recycelbar ist. Derzeit spielen auch in der Möbelindustrie Gedanken an Nachhaltigkeit eine große Rolle und es wird mit Hochdruck an Kunststoffen für die Möbelbranche geforscht, die aus Bioabfällen hergestellt werden können.

Die drei Väter des Freischwingers

Im Jahr 1926 konstruierte der Architekt Mart Stam den ersten Zweibeiner, der auf einer starren Rohrkonstruktion basierte. Der MR 20, den Bauhausdirektor Ludwig Mies van der Rohe 1927 in der Ausstellung der Weißenhofsiedlung der Öffentlichkeit präsentierte, war schon etwas elastischer. Marcel Breuer, Jungmeister und Leiter der Tischlerei im Bauhaus, verbesserte die Elastizität weiter und entwickelte zahlreiche Variationen mit Stahlrohr, darunter den berühmten Wassily Chair, der in seinen Anfängen noch Clubsessel B3 hieß und bis heute von Knoll International aus feinstem Leder hergestellt wird. Einige Schwingstühle werden bis heute von der Traditionsfirma Thonet produziert, wie der stapelbare Freischwinger S 43, dessen Gestell mit Holz kombiniert ist (künstlerisches Urheberrecht von 1931, Mart Stam). Noch bekannter ist der Thonet Freischwinger S 32 von Marcel Breuer aus den Jahren 1928 bis 1931, dessen Holzteile in Buche mit Rohrgeflecht bis in die Gegenwart hergestellt werden. In ähnlicher Machart entwickelte Breuer auch den Thonet Stuhl S 64 VDR, der allerdings kein Schwingstuhl, sondern ein Bürodrehstuhl ist. Mit dem Thonet S 35 L Sessel und Hocker konstruierte Breuer einen komfortablen frei schwingenden Clubsessel mit optisch durchgehender Linie. Zeitgleich wurden auch passende Beistelltische entworfen wie der praktische Thonet Beistelltisch Set B 9, der sich platzsparend ineinander fügt.

Die Urheberschaft von Design und Konstruktion

Erfolg bringt manchmal Ungemach mit sich – insbesondere wenn es um Geld geht – und so führten nach 1929 Künstler und Hersteller diverse Prozesse gegeneinander. Die Frage der Urheberschaft des Freischwingers wurde wahrscheinlich niemals zufriedenstellend geklärt, aber es wurde ein Rechtsfrieden hergestellt. Das künstlerische Urheberrecht an dem Stuhl wurde Mart Stam 1932 vom Deutschen Reichsgericht zugesprochen, während Ludwig Mies van der Rohe 1926 die Rechte an einigen technischen Aspekten des Freischwingers zugesprochen bekam, unter anderem das freie Schwingen. Kunsthistoriker gehen davon aus, dass auch Marcel Breuer einen nicht unerheblichen Anteil an der Entwicklung des Stuhls hatte – quod erat demonstrandum. Später schufen weitere namhafte Designer ihre eigene Version des Freischwingers. Außerdem gab und gibt es zahlreiche Nachahmer, die weniger hochwertiges Material verwenden, wie dünnere Rohre, Kunstleder oder billiges Leder.

Konstruktion und Farben

Der klassische Freischwinger besteht aus einem einzigen Metallrohr in Schlitten- oder S-Form. Der Rahmen dient als Träger für die Sitzfläche, die Rückenlehne und gegebenenfalls für die Halterung der Armlehnen. Sitzflächen oder Polster und die Rückenlehnen werden in die Rahmen gehängt oder eingespannt. Der Vitra Panton Chair ist ein Freischwinger aus einem Guss, eine einzige recyclebare Kunststofffläche von Kopf bis Fuß mit Kultstatus durch seine expressive Form und ausdrucksstarke Farben. Der Chair ist mittlerweile in sechs modernen Farben lieferbar. Der klassische Freischwinger ist schwarz oder Buche natur, mittlerweile gibt es den S 43 auch in Weiß und Grau und zahlreichen bunten Farben. Auch der Sessel Thonet S 64 PV Pure Materials ist in dreizehn edlen Lederfarben erhältlich.

Der Freischwinger – vom Krieg bis zur Moderne

Im Zweiten Weltkrieg war Stahl als kriegswichtiges Material rationiert, sodass die Produktion von Freischwingern erst nach 1945 Fahrt aufnahm. Ende der 1950-er Jahre gab es eine Abkehr von der Neuen Sachlichkeit mit ihrer geometrischen Strenge. Der Optimismus der Nachkriegszeit brachte die Pop Art hervor mit ihren fröhlichen Farben und neuartigen synthetischen Kunststoffen. Während bis zum Jahr 1945 nur Sitzschalen aus Kunststoffen gefertigt werden konnten, war es ab 1967 möglich, die Vision von Verner Panton zu realisieren und den Panton Chair vollständig aus Plastik herzustellen. Die Freischwinger werden bis heute von Vitra und Thonet als Retro Möbel produziert. Sie finden ihren Einsatz in Küchen, im Esszimmer und im Büro. Die Pantone Chairs eignen sich hervorragend als Esszimmerstühle, da sie besonders pflegeleicht sind. Durch ihre hohe Qualität sind alle Freischwinger von Vitra und Thonet besonders langlebig. Durch ihren Kultstatus erhalten die Artikel ihren materiellen Wert und verleihen jedem Raum Status.


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