Dienstag, 14. April 2020

Mit Durchhaltevermögen und Fokussierung durch die Krise - Ein Interview mit Dr. Burkhard Bensmann

Wie gelingt es Unternehmen und Organisationen in der aktuellen Krise wirksam zu bleiben? Welche Fähigkeiten helfen uns dabei, die Situation bestmöglich zu bewältigen und welche konkrete Rolle spielt das Thema Selbstführung dabei? Diese und weitere Fragen zur Bedeutung der Coronakrise für Unternehmen haben wir letzte Woche mit Dr. Burkhard Bensmann in einem Interview diskutiert. Seit mehr als dreißig Jahren ist er als Berater, Coach und Lehrender im Einsatz und darüber hinaus Gründer der Ld 21 Dr. Burkhard Bensmann Consulting. Zudem ist er als Honorarprofessor für Kommunikation und Organisationsentwicklung an der Hochschule Osnabrück tätig und begleitet auch pro office Osnabrück bereits seit mehreren Jahren als Coach. 

Herr Dr. Bensmann, die aktuelle Coronakrise stellt Arbeitgeber und Arbeitnehmer weltweit vor ungeahnte Herausforderungen und fordert neue Herangehensweisen und Lösungen im beruflichen Miteinander. Welche Erfolgsfaktoren ergeben sich aus Ihrer Sicht aus der Krise?

"Für Chefinnen und Chefs gilt es jetzt, durch wirksame Kommunikation Angst zu vermeiden und Klarheit zu schaffen, auch hinsichtlich möglicher Konsequenzen aus der Krise. Orientierungslosigkeit ist sozial infizierend - Führungskräfte sollten stattdessen eine eindeutige, glaubwürdige Haltung an den Tag legen. Und es versteht sich von selbst, dass jetzt unbedingt Aktionismus vermieden werden muss. Wenn möglich, dann sollten jetzt zumindest kleine Erfolge erzielt werden und diese dann als Motivationsschub kommuniziert werden. Insgesamt ist jetzt Durchhaltevermögen und Fokussierung gefragt."
 

Klarheit schaffen sowie eine eindeutige und vor allem glaubwürdige Haltung einnehmen - damit haben Sie schon einige wichtige Verhaltensweisen in der aktuellen Situation geschildert. Gibt es aus Ihrer Sicht weitere Ratschläge speziell für Führungskräfte, um in der aktuellen Situation wirksam zu bleiben, und wie stellt man sich bestmöglich auf die Zeit nach der Krise ein?

"Was ich bei klugen Führungskräften derzeit feststelle: Sie fokussieren sich darauf, jetzt gefährliche Brände zu löschen. Sie nehmen sich aber andererseits auch immer wieder Pausen vom Krisenmanagement, um ihr eigenes Handeln zu reflektieren, zum Teil eben auch mit einem Externen, zum Beispiel einem Coach. Das hilft, die Gefahr des oben erwähnten Aktionismus und der ansteckenden Hektik zu bannen. Was ich darüber hinaus meinen Kunden in dieser Zeit immer empfehle ist, jetzt die eigenen Beobachtungen und Ideen zu notieren: Was fällt mir zu unseren Produkten, Dienstleistungen, Projekten und so weiter auf? Was könnte eine Erkenntnis sein, die wir nach der Krise brauchen? Die Krise bringt für viele von uns eine Verschiebung der Perspektive - nutzen wir diese andere Sicht, um unsere Unternehmen anders zu betrachten und auf neue Ideen zu kommen. Vielen fällt derzeit auch auf, dass interne Prozesse viel zu fett und langwierig sind. Jetzt, in der Not, findet man Abkürzungen und es klappt auch. Daher gilt es, jetzt Anregungen, Wünsche Ideen zur Optimierung und Entschlackung zu notieren. Dazu empfehle ich vier Fragen, ich nenne sie auch meine „Vierung“: Was wollen wir weiter machen? Was wollen wir anders machen? Was wollen wir neu machen? Und was wollen wir stoppen?"


Selten war auch Teamgeist so wichtig wie jetzt und selten war es so schwierig, die Zusammenarbeit über Distanz und unter den herausfordernden Verhältnissen im Home Office aufrechtzuerhalten. Teamarbeit muss sich somit den neuen Bedingungen der Krisenzeit anpassen. Wie kann es gelingen, einen guten Teamgeist zu bewahren? 

"Hier kommt zunächst ein weiterer Erfolgsfaktor hinzu: Teamwork als Voraussetzung, auch in der Krise die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist vor allem in der Führungsgruppe eines Unternehmens wichtig. Teammeetings funktionieren - mit Einschränkungen - auch digital auf Distanz. Kunden berichten mir, dass es zum Beispiel die Moderation von Videokonferenzen durchaus anstrengend ist: Hier sollen alle angemessen beteiligt werden, gleichzeitig will die Chefin oder der Chef aber die Kontrolle behalten. In solchen Fällen ist häufig eine andere Person wesentlich geeigneter, die Moderation zu übernehmen. Wie bei anderen Meetings gelten die elementaren Spielregeln wie Ziele, Struktur, Rhythmus, Fokus. Und auch hier ist darauf zu achten, dass die Teilnehmer einander zugewandt bleiben und nicht etwa parallel auf Ihren Smartphones tippen. Auch in einer digitalen Konferenz muss es aus meiner Sicht unbedingt Pausen geben. Keineswegs darf bei der Führung oder Kooperation auf Distanz das Zwischenmenschliche zu kurz kommen. Es gibt Unternehmen, die digitale Meetings nur zu diesem Zweck durchführen - ganz so weit würde ich nicht gehen, aber es empfiehlt sich, dem „Community Building“ Platz zu geben."


Abschließend noch eine Frage zum Thema Selbstführung. Nicht selten suchen wir in Krisenzeiten nach Möglichkeiten, um mit unbekannten Situation und neuen Herausforderungen umzugehen. Welche erlernbaren Fähigkeiten helfen uns bei der Bewältigung der Krise und welche Rolle spielt die Selbstführung hierbei?

"In Krisen zeigt sich deutlich, dass bestimmte Personen mit Belastung besser umgehen, als andere. Daher zunächst mein Hinweis darauf, dass Entscheider - männlich wie weiblich - in Unternehmen vor allem die Fähigkeit besitzen sollten, Unsicherheit und Unberechenbarkeit auszuhalten. Denn vor allem Unberechenbarkeit begleitet uns nicht nur in der Krise. In meinem aktuellen Buch [„Wirksam handeln durch Selbstführung"] nenne ich auch Beschleunigung und Fragmentierung als weitere typische Phänomene. Angesichts dieser Herausforderungen wird eine gelingende Selbstführung zentral wichtig. Als Führungskraft muss ich mich und meine Fähigkeiten, Talente, Eigenschaften kennen, muss Selbst- und Fremdbild immer wieder abgleichen. Menschen, die ein Bewusstsein ihrer Stärken besitzen und von der Wirksamkeit ihres Handelns überzeugt sind, verfügen über eine Art innere Sicherheit, die gerade in Krisenzeiten wesentlich ist. In meinem Modell der „Sieben Felder der Selbstführung" [Link zum Podcast SF50 „Die Sieben Felder der Selbstführung“] beschreibe ich auch, dass wir unsere Wirksamkeit steigern können, wenn wir uns auf unsere Stärken fokussieren und unser Team so aufbauen, dass unsere Schwächen durch andere Teammitglieder kompensiert werden. Allerdings wird vielleicht die eine oder andere Führungskraft derzeit feststellen, dass diese Krise die eigenen Defizite drastisch aufzeigt. Dies könnte der Auftakt einer überfälligen persönlichen Entwicklung sein, bei der Selbst- und Fremdbild abgeglichen und destruktive Denkmuster aufgelöst werden. Zumindest wäre man dann für die nächste Krise fitter. Weitere Fähigkeiten sind sicherlich das Vermögen, Komplexität zu erfassen, angemessene Entscheidungsmethoden anwenden zu können und weitsichtig vorweg nehmen zu können, welche Konsequenzen sich ergeben. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass wir vor allem bei der Auswahl von Top-Führungskräften vorher genauer hinschauen sollten, was diese denn mitbringen."

Vielen Dank, Herr Dr. Bensmann, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit uns über diese wichtigen Fragen zu sprechen und Führungskräften als auch Mitarbeitern dienliche Ratschläge zur Bewältigung der Krise mit auf den Weg gegeben haben. Alles Gute für Sie und bleiben Sie gesund!


Foto J. Jelinski

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